Die Geschichte von Maurice Lacroix beginnt nicht 1975, sondern bereits 1889 – mit der Gründung der Desco von Schulthess AG in Zürich, einem internationalen Handelsunternehmen, das ursprünglich auf Seidenhandel spezialisiert war. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte Desco sein Geschäftsfeld und wurde ab 1946 zum grössten Repräsentanten Schweizer Luxusuhren im fernen Osten, vertrat Marken wie Audemars Piguet, Heuer, Eterna und Jaeger-LeCoultre. Doch 1961 ging das Unternehmen einen entscheidenden Schritt weiter: Dr. Peter Brunner, Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats, erwarb im jurassischen Saignelégier einen Assemblagebetrieb namens Tiara, der Private-Label-Uhren für den nationalen und internationalen Markt fertigte.
Dieser Schritt war mehr als nur eine Investition. Es war der Beginn einer Vision, die Brunner während der Quarzkrise der 1970er-Jahre mit voller Kraft verfolgte. Während die Schweizer Uhrenindustrie unter dem Druck günstiger japanischer Quarzuhren zusammenbrach und Hunderte traditionsreicher Manufakturen schliessen mussten, sah Brunner eine Chance. Er glaubte fest daran, dass Schweizer Handwerkskunst, Präzision und mechanische Komplexität einen bleibenden Wert hatten – und dass die Zeit reif war, nicht nur für andere zu produzieren, sondern eine eigene Marke zu schaffen.
1975 war es soweit. In Saignelégier, im Herzen der Franches-Montagnes, wurde die Marke Maurice Lacroix gegründet. Die erste Uhr unter diesem Namen wurde noch im selben Jahr in Österreich vertrieben, ein Jahr später folgte die Einführung in Spanien. Der Erfolg stellte sich schneller ein als erwartet. Bereits 1980 – nur fünf Jahre nach der Gründung – war die Nachfrage so hoch, dass die Produktion für Drittanbieter vollständig eingestellt wurde. Maurice Lacroix produzierte fortan ausschliesslich unter eigenem Namen – ein Zeichen für das Vertrauen, das die Marke bereits gewonnen hatte.
Die 1980er-Jahre waren geprägt von internationalem Wachstum. Maurice Lacroix baute ein weltweites Vertriebsnetz auf: Deutschland (1980), Australien (Anfang der 80er), die Schweiz selbst (1983), die Niederlande (1986), Grossbritannien (1987), Fernost und Südpazifik (1989–1990), der Nahe Osten (1990) und schliesslich die USA (1995). Parallel dazu investierte das Unternehmen in vertikale Integration. 1989 übernahm Maurice Lacroix die Gehäusefabrik Queloz SA in Saignelégier – ein strategischer Schritt, der es der Marke ermöglichte, Gehäuse in Eigenregie zu produzieren und damit Design, Qualität und Lieferzeiten selbst zu kontrollieren.
Der entscheidende Durchbruch kam 1990 mit der Einführung der Masterpiece Collection – ursprünglich unter dem Namen «Les Mécaniques» lanciert. Diese mechanische Uhrenkollektion war ein Statement: gebläute Schrauben, geschliffene Brücken, transparente Gehäuseböden, die den Blick ins Uhrwerk freigaben – Maurice Lacroix gehörte zu den ersten Herstellern, die diese Ästhetik des «offenen Herzens» konsequent umsetzten. Es war nicht nur eine technische Innovation, sondern auch eine Einladung: Schau her, was Schweizer Handwerkskunst bedeutet. Sieh die Präzision, die Sorgfalt, die Seele einer mechanischen Uhr.
Die Masterpiece-Kollektion wurde schnell zur Ikone der Marke und trug massgeblich dazu bei, dass Maurice Lacroix sich in den 1990er-Jahren als ernstzunehmender Akteur im oberen Mittelfeld der Schweizer Luxusuhren etablierte. Während andere Marken noch mit den Nachwehen der Quarzkrise kämpften, bewies Maurice Lacroix, dass mechanische Komplexität und zeitgemässes Design keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bereichern können.
Ein weiterer Meilenstein war das Jahr 2001, als Maurice Lacroix von einer Division der Desco von Schulthess AG zu einer eigenständigen juristischen Einheit wurde, mit Philippe C. Merk als Präsident der Geschäftsleitung. Diese Unabhängigkeit schuf neue Freiräume für strategische Entscheidungen und Innovation. 2007 folgte der nächste grosse Schritt: Maurice Lacroix eröffnete neue Produktionsateliers in Montfaucon und erhielt offiziell den Status einer Manufaktur – eine Auszeichnung, die nur jenen Herstellern verliehen wird, die einen bedeutenden Teil ihrer Uhrwerke selbst entwickeln und fertigen.
Doch Maurice Lacroix ruhte sich nicht auf diesem Erfolg aus. Als das Kreativteam 2014 tief in die Archive eintauchte, stiess es auf ein vergessenes Juwel: die Calypso, eine Kollektion aus den 1990er-Jahren, die damals bereits für ihr markantes, urbanes Design geschätzt wurde. Die Entscheidung, dieses Modell für eine moderne Zielgruppe neu zu interpretieren, führte 2016 zur Geburt der AIKON – einer Uhr im Urban Style, die sofort bei Millennials und der Generation Z Anklang fand und bis heute einer der grössten kommerziellen Erfolge der Marke ist. Die AIKON verkörpert genau das, wofür Maurice Lacroix steht: die Fähigkeit, Tradition zu respektieren, aber nicht darin gefangen zu sein, sondern sie mutig in die Gegenwart zu übersetzen.
2025 feiert Maurice Lacroix sein 50-jähriges Jubiläum – ein halbes Jahrhundert, das die Marke mit einer neuen Kollektion würdigt: der 1975 Collection. Diese Uhren verbinden Vintage-Inspiration mit modernem Design, schlanke Proportionen mit langlebiger Attraktivität. Es ist eine Hommage an die Anfänge, aber auch ein Versprechen für die Zukunft: Maurice Lacroix bleibt seiner DNA treu – Qualität, Kreativität und ein hoher wahrgenommener Wert.
Hinter all diesen Erfolgen steht eine klare Unternehmensphilosophie: Maurice Lacroix vereint die Welten des urbanen Stils, der Schweizer Handwerkskunst und der Kreativität, um Luxusuhren zu schaffen, die mehr bieten als nur Zeitanzeige. Die Manufaktur in Saignelégier, eingebettet in die sanften Hügel der Franches-Montagnes, ist die Heimat hochqualifizierter Uhrmacher und Handwerker, die mit grösster Sorgfalt jedes Detail bearbeiten. Hier wird nicht einfach montiert, sondern gestaltet, verfeinert und geprüft – mit dem Anspruch, dass jede Uhr, die das Haus verlässt, ein Stück Schweizer Präzision und Leidenschaft trägt.
Was Maurice Lacroix zusätzlich auszeichnet, ist der Mut zur Innovation – nicht nur technisch, sondern auch im Marketing. Die Marke nutzt digitale Spiele, entwickelt Designs gemeinsam mit ihrer Community und pflegt enge Beziehungen zu «Friends of the Brand» – Menschen, die nicht nur Uhren tragen, sondern Geschichten erzählen. Dieser Ansatz hat Maurice Lacroix näher an seine Kunden gebracht und eine loyale, weltweite Community geschaffen, die weit über den klassischen Uhrensammlerkreis hinausgeht.
Heute gehört Maurice Lacroix zur DKSH-Gruppe, einem internationalen Handelskonzern mit Sitz in Zürich, der seit 2011 Mehrheitseigner ist. Diese Zugehörigkeit gibt der Marke die finanzielle Stabilität und globale Reichweite, die nötig sind, um in einem zunehmend wettbewerbsintensiven Markt zu bestehen – ohne dabei ihre Unabhängigkeit im Design, in der Produktion oder in ihrer kreativen Vision zu verlieren.